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Bill Gates im Computerclub

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Die Story zur MDR-Sendung "Sonntag - die Show der Überraschungen" mit Axel Bulthaupt am 23.04.20.., in der der Vorsitzende des Senioren-Internet-Club Leipzig e.V., Harry Wenzel, überrascht werden soll


Freitag 31.03.

15.00 Uhr - wie immer - Clubtreffen in der Gutenberg Galerie

Neuigkeit: Unser Vorsitzender Harry Wenzel teilt uns mit, einige US-amerikanische Senioren sind auf Deutschlandreise, haben über eine Agentur (Agentur Wolf) von unserem Club erfahren und würden uns gern einen Besuch abstatten.

Sie sind sehr ängstlich, was ihre Sicherheit betrifft, was vermutlich mit den Ereignissen um den 11. September zusammenhängt. Wir sollten uns diesbezüglich nicht wundern.

Da keiner von ihnen der deutschen Sprache mächtig ist, bringen sie einen Dolmetscher mit. Termin des Seniorentreffens: Freitag, den 07.04.06, 15.00 Uhr. Zur Zeit machen sie Station in Dresden.

Problem: Harry hat keine Zeit. Er will noch einmal auf seinen geliebten Gletscher zum Ski laufen. Darum sein Vorschlag: Die US-Senioren sollten in Dresden beim Computerclub ARTOS vorbeischauen. Die zählen bereits 155 Mitglieder und sind mithin weiträumiger organisiert und gewiss für eine solche Begegnung attraktiver als wir.

Mit anderen Worten: wir stehen nicht zur Verfügung.


Samstag 08.04.

Anruf von Clubmitglied Rudolf S. im Auftrag von Harry Wenzel.

Nachricht: Die US-Senioren lassen sich nicht abschütteln, wollen uns unbedingt kennen lernen. Neuer Termin: Dienstag, den 11.04., in der Galerie. Um Erscheinen wird gebeten. Harry ist dann auch wieder aus dem Urlaub zurück.


Dienstag 11.04.

15.00 Uhr: Wir versammeln uns zum Empfang der US-Senioren. Anwesend sind: Harry Wenzel, Margot S., Helga und Frieder B., Renate und Diethelm R., Renate F., Dr. Ute H., Heinz G. und Christine R.. Leichte Bedenken unsererseits, was wir wohl Wichtiges miteinander bereden sollten, zerstreut Harry: die wollen halt sehen, was wir hier so am Computer machen. Na gut, wir werden sehen...

16.15 Uhr: Die Tür öffnet sich schwungvoll und herein stürmen fünf Leute - vier Männer und eine Frau, Filmkamera, Mikrofon und einige andere eigenartige Utensilien dabei -, auf den ersten Blick keine Senioren, vielleicht aber doch Amerikaner, einer, ein langer schlanker trägt einen funkelnagelneuen, schneeweißen Cowboyhut, als Symbol nicht zu übersehen.

Wir sind erstaunt, verblüfft und harren gespannt einer Erklärung. Der Dolmetscher lässt uns wissen: eine inkognito reisende, sehr hochrangige Persönlichkeit möchte unseren Club, insbesondere unseren Vorsitzenden Harry Wenzel kennen lernen und dies hier sei ein im Vorfeld eines solchen Besuches üblicher Sicherheitscheck. Der eigentliche Besuch soll erst nächste Woche am Donnerstag, den 20.04.06, stattfinden.

Nun ja, andere Länder, andere Sitten. Wir finden die Sache zwar überzogen, aber sollen sie tun, was sie für nötig halten.

Neugierig macht uns eher die inkognito reisende Persönlichkeit. Das Zauberwort "Silicon Valley" ist bereits gefallen. Der Dolmetscher hat es leise, mehr nebenher, getarnt als vertraulich Mitteilung, die weiter zu geben er eigentlich nicht befugt ist, in seine Rede einfließen lassen. Das ist unseren gespitzten Ohren nicht entgangen.

Silicon Valley - die Wiege des PC! Das liegt ganz auf unserer Linie. Wir bringen das Erlauschte sofort mit einer Persönlichkeit in Verbindung: Bill Gates. Im Grunde ein Hirngespinst, der Mann scheffelt seine Milliarden weiß Gott woanders, doch egal im Moment der Überrumpelung, nachhaken und der Sache auf den Grund gehen werden wir später. Dennoch - Bill Gates hier bei uns im Club? Unmöglich. Gedanke schnell wieder verworfen.

Etwas anderes fesselt unsere Aufmerksamkeit. Der Sicherheitcheck hat begonnen. Die junge, bestens gestylte Frau spaziert urplötzlich mit einer knallroten Wasserwaage durch den Raum, hält sie an die weiß getünchten Wände, mal senkrecht, mal gerade, mal schief... Ich kann mir nicht verkneifen, dem Dolmetscher zuzuraunen, dass ich Bauingenieur bin und vielleicht bei diesem absurden Vorgang hilfreich - wem auch immer - unter die Arme greifen könne. "Bitte lachen Sie nicht", kommt es gezischelt zurück. Ich reiße mich zusammen. Vielleicht ist ja in der - warum aber dann so auffällig roten? - Wasserwaage ein Chip eingebaut, der irgend etwas misst. Die äußere Form nur eine Tarnung, wer weiß... Was mögen die anderen denken? Ich verfolge den Vorgang amüsiert, sehe ungläubiges Staunen in den Augen unserer Leute. Helga B. ergreift die Initiative und spricht die junge Frau in sicherlich tadellosem Englisch an. Keine Reaktion von Seiten der Checkerin. Hätte sie die lieber auf chinesisch ansprechen sollen? Versteht sie überhaupt Englisch? Unsere Blicke kreuzen sich. Helgas Blick spricht Bände.

Doch noch längst nicht genug der Ungereimtheiten. Jetzt holt die junge Frau eine Wünschelrute heraus und tastet den Raum nach negativen Energien ab.

Während sie ihre Arbeit unbeirrt fortsetzt und alle vier Ecken mehrfach einer Kontrolle unterzieht, trägt der Dolmetscher eine Bitte des zu erwartenden Gastes vor: ob wir anlässlich des anvisierten Treffens am nächsten Donnerstag eine Kanne Kaffee für den Gast und uns bereit halten könnten? Nichts leichter als das. Harry sagt, der Kaffee sei kein Problem. Nun ja, der Gast hätte noch eine Bitte. Ob wir ihm dazu auch ein Stück hausbackenen Apfelkuchen anbieten könnten? Wir wissen, dass Harrys Frau prima Apfelkuchen backen kann. Erst unlängst haben wir - zu Harrys Geburtstag - einen verdrückt. Deshalb lässt sich Harry nicht lange bitten. Der Apfelkuchen ist ebenfalls gebont. Aller guten Dinge sind jedoch Drei. Der unbekannte Gast hat noch einen Wunsch. Ob wir zu seiner Begrüßung ein Lied singen könnten, ein deutsches Volkslied, eins, das er besonders gern mag... Der Dolmetscher hat den Namen des Liedes noch nicht ausgesprochen, da platzt Harry auch schon heraus: "Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus?"

Wenn das keine Eingebung ist? Sogar der Dolmetscher ist überrascht. Genau das Lied hat sich die inkognito reisende, sehr hochrangige Persönlichkeit gewünscht, das Lied und kein anderes. Unser Harry ist ein Hellseher. Na dann: Muss i denn, muss i denn..." Bei den Amis wundert einen sowieso nichts.

Ich wage wieder einen Blick zu Helga B. hinten in der letzten Reihe. Herrlich - ihr Gesichtsausdruck! Mittlerweile alles andere als amüsiert. Wie lange kann sie noch an sich halten?

Doch längst nicht genug der Kuriositäten. Jetzt bekommen wir mitgeteilt, dass die besondere Persönlichkeit sich vorab mit unseren Gesichtern vertraut machen möchte. Die Filmkamera, die bislang eher wahllos über unsere Häupter geschweift ist, geht jetzt gezielt auf die Person. Jeder soll sich hinstellen, Namen und Alter nennen. Harry als erster.

Harry vor der Kamera mit ernstem Gesicht:: "Ich heiße Harry Wenzel und bin 70 Jahre alt."

Diethelm R.: "Ich heiße Diethelm R. und bin 70 Jahre alt."

Margot S.: "Ich heiße Margot S., aber mein Mann ist heute nicht da, der kommt erst nächste Woche." Keine Frage, er kann kommen, wird nicht abgelehnt.

Der Vorgang stoppt. Keiner will mehr vor die Kamera, um auf derart alberne Weise das Geheimnis seines Alters preiszugeben.

Schade, finde ich und bin längst der Meinung, dass wir in der Sendung "Verstehen Sie Spaß" oder etwas Ähnlichem sind. Für Späße bin ich immer zu haben. Warum also eine eventuell noch nicht absehbare Pointe vermasseln? Also springe ich auf und sage meinen Vers auf: "Ich heiße Christine Resties und bin 65 Jahre alt." In der Hitze des Gefechts habe ich mich aus Versehen ein paar Jahre älter gemacht als ich eigentlich bin. Ist mir noch nie passiert. Einfach blöd.

Keiner nach mir? Doch. Renate F. macht gute Miene zum undefinierbaren Spiel. Sie ist die letzte vor der Kamera, die anderen verweigern sich verunsichert bis empört ob der Anmaßung dieses eigenartigen Teams mit schwer bis überhaupt nicht abzuschätzenden Beweggründen für ihr unsinniges Tun. Schluss. Ende der Veranstaltung. Nichts mehr zu holen. Vorhang. Der Spuk verschwindet - man hat den Eindruck: schleunigst - durch die Tür und lässt eine für den ersten Moment sprach- und ratlose Internetseniorengemeinschaft zurück.

Dann schlagen die Wellen hoch. Damit sie der Sturm peitscht, stimme ich schon mal "Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus" an, aber keiner singt mit. Die Stimmung schlägt in Richtung offene Empörung um.

Helga B. bringt es auf den Nenner: "Das war eine Unverschämtheit, was die hier abgezogen haben."

Harry Wenzel drückt es deutlicher aus: "Ich glaube, wir werden hier verarscht, aber warum? Eins kann ich sagen, das Lied singen wir nicht, das zieh ich aus dem Internet und brenne es auf CD. Können sie haben."

Eingedenk des Bildes, das sich ein durchschnittlicher Europäer von den Amis macht, bleiben rund 10% Wahrscheinlichkeit übrig, dass vielleicht doch irgend etwas an der Sache dran ist.

Harry: "Bei denen muss man mit allem rechnen."

Unvergessen ist auch die kuriose Geschichte des Chorleiters Gotthilf Fischer, der vor Jahren auf so fatale Weise mit dem Besuch der englischen Königin reingelegt worden war. Also doch: "Verstehen Sie Spaß"?

"Mit mir machen die so was nicht", sagt Harry. "Ich gehe der Sache auf den Grund. Ich rufe bei der Agentur an. Ich kläre das. Ein gewisser Wolf sitzt dort. Was auch immer dabei rauskommt, ich teils euch mit. Ihr braucht nächste Woche nicht extra kommen."

Und damit war die Sache eigentlich erst einmal abgehakt. Nicht ganz.

Dr. Jürgen B., Leiter der Begegnungs- und Bildungsstätte "Aktives Alter - neue Medien", kommt kurz zu uns in den Computerraum. Ich berichte ihm blumenreich, was sich hier abgespielt hat. Er ist sichtbar unangenehm berührt und sagt: "Ich habe mich schon gewundert, warum vor der Galerie so viel Polizei ist. Die halten jedes Auto an."
Polizeikontrollen? Vor der Galerie? Das haben wir noch nie erlebt. Sollte doch eine hochrangige Persönlichkeit hier abgestiegen sein? Merkwürdig, sehr merkwürdig ...




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